Einfach nur Nikes

Es war ein Donnerstag Nachmittag. Genau gesagt war es letzten Donnerstag Nachmittag. Ich war gerade dabei, mir ein empfohlenes Video über eine Kommunikationstechnik anzuschauen, machte mir wichtige Notizen, als ich im Augenwinkel einen Mann entdeckte. Er stand nicht unmittelbar neben mir. Nein, ich habe ihn aus dem Fenster beobachtet. Wie eine alte Oma, die gelangweilt aus dem Fenster schaut, um stets auf dem Laufenden zu bleiben. Mindestens so intensiv und bewusst habe ich ihn studiert. Es war deutlich mehr, als nur hingeschaut.

Er fiel mir sofort auf. Wahrscheinlich wegen seiner Körperbewegungen und seiner Nikes. Gute Kleidung, gute Schuhe – na und? Ein Eriträer! Nikes! Ganz genau das ist der Aufhänger meines Posts! Ich hab ihn nicht nur beobachtet, ich habe ihn regelrecht studiert. Wahrscheinlich (offensichtlich), so meine Interpretation, musste es sich um einen Asylsuchenden der nebenstehenden Asylunterkunft handeln.

Lange stand er da, mit gesenktem Kopf, hängenden Schultern, schlurfigen Bewegungen und der Kapuze über den Kopf gezogen. Minutenlang einfach da gestanden, kaum schwingungsfähig, kaum lebendig. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit setzte er sich auf die Sitzbank neben sich. Er setzte sich in Zeitlupen-Tempo. So unendlich schwer fühlte es sich alleine vom Zusehen an. Spaziergänger gingen an ihm vorbei. Er reagierte nicht, sie reagierten nicht. Er sah weder auf, noch regte er sich. Weiter ging eine Frau an ihm vorbei, ein kleines Kind an der Hand. Bereits einige Meter vor ihm nahm sie deutlich Abstand zu der Sitzbank, zu dem Eriträer und wollte offensichtlich nicht zu Nahe kommen. Dann geschah etwas äusserst Rührendes. Das kleine Kind, ein Junge, sah den Mann auf der Bank an und hob seine kleine Hand – winkte ihm zu ohne ein Wort. Und ohne, dass seine Mutter etwas bemerkte, hob der Mann auf der Bank seinen Kopf, zog seine Kapuze zurück und winkte dem kleinen Jungen zurück. Er lächelte. Eine kurze, wortlose Begegnung, die mehr zu verändern vermochte, als jeder vorbeigehende Erwachsene. Einige weitere Minuten vergingen, ehe er wieder in seinen ursprünglichen Zustand versank.

Und die Nikes? Die trug er selbstverständlich immer noch. Und wenn du dich nun endlos darüber aufregen magst, dass du nicht die neusten Nikes trägst, nicht den tollen Schlitten fährst, den du dir schon ewig wünschst und auch nicht deine Wunschzahl auf dem Bankauszug lesen kannst und du findest, dass auch dieser Mann keine solchen Schuhe verdient hat. Dann frag dich einen stillen Moment lang: Was ist dir wertvoller: wahrgenommen und gesehen zu werden oder ein Markenschuh? Ist es wirklich der Asylsuchende, der aus einem Turnschuh einen Hype macht oder ist es unsere Bewertung, die aus einem Turnschuh ein erstrebenswertes Statussymbol macht? Und was würde wohl der Mann auf der Bank wählen? Was denkst du? Und wenn wir alle ernsthaft darüber nachdenken, dürfen wir uns selbst ein Bild darüber machen, was in unserem Leben wirklich zählt. Status oder Zuwendung?

Ich muss mal ehrlich sagen, mich ärgert diese Haltung, dass „…die das nicht verdient hätten, weil ich das ja auch nicht habe.“ Und ….“schlussendlich bezahl ich auch noch dafür…“. Da frag ich mich dann schon, ob es sich bei solchen Äusserungen um Neid, Eifersucht oder Ärger über das System handelt und wie differenziert diese Aussagen überlegt wurden. Mir ist spätestens nach dieser Beobachtung klar, warum ich mich bereits als Kind nicht grossartig von solchen Äusserungen beeindrucken liess. Ich bin glücklich, dass es mir und meinen Kindern so gut geht, dass wir uns nicht darüber den Kopf zerbrechen müssen, ob wir gesehen werden…..

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